Alterung, Zuwanderung, und Renteneintritt: Verstehen von demografischen Prozessen mit Tableau Public

Prof. Dr. Ralf E. Ulrich
on September 16, 2015

Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Ralf E. Ulrich , Professor an der Universität Bielefeld.
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Im Herbst beginnt an den Hochschulen das neue Semester. Für die Studierenden der Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld wird in diesem Wintersemester erstmals das Demographic DataLab zur Verfügung stehen. Begleitend zu Vorlesungen und Literatur in „Problems of Population and Health Dynamics“ können sie auf dieser Plattform mit Daten und Modellen interagieren und das gelernte Wissen anwenden und testen. Zugleich wird das DataLab das Lernen von Facts-to-know unterhaltsamer und interessanter machen und spielerisch den Umgang mit Werkzeugen der Datenanlyse ermöglichen.

Bereits in den vergangenen 4 Jahren hatten Studierende des Master of Public Health die Software Tableau durch die Veranstaltung “Data Analytics and Visualization for Public Health and Business with Tableau“ kennengelernt, die durch die Programme Tableau for Teaching, beziehungsweise Tableau for Students ermöglicht wurden. Ausgewählte Abschlusspräsentationen dieser Veranstaltung im Sommersemesters 2015 wurden auf Tableau Public im Profil “Bielefeld Health” veröffentlicht.

Als Startschuss für das Demographic DataLab wird hier folgende interaktive Visualisierung zur demografischen Alterung vorgestellt. Diese und alle weiteren Visualisierungen des Demographic DataLab werden auf Tableau Public frei für alle Interessierten zur Verfügung stehen.

Die meisten europäischen Länder schauen heute einer zunehmenden demografischen Alterung entgegen. Deutschland ist eines jener Länder, die die Folgen der demografischen Alterung bereits deutlich spüren. Der heute von vielen Unternehmen beklagte Fachkräftemangel wird sich zukünftig mit der erheblichen Verringerung des Erwerbspersonenpotenzials verstärken. Zugleich ist absehbar, wie die Sozialversicherung nach dem Umlageverfahren (pay as you go) durch die demografischen Verschiebungen in den kommenden Jahrzehnten unter Druck geraten wird.

Dies wird besonders deutlich in der sog. Altenquote, der Zahl von Menschen im Rentenalter je 100 Menschen im Erwerbsalter. Im Jahr 2014 entfielen 50 Personen im Alter 60 und älter auf 100 Personen im Alter 20-59 in Deutschland. Nach aktueller Prognose des Statistischen Bundesamtes (13. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vom April 2015) wird die Altenquote (bei 100.000 Personen jährlichem Zuwanderungsgewinn) in 2060 bei 89 liegen.

Diese veränderte demografische Relation wird u.a. stark das Einnahmen-/Ausgabenverhältnis der Rentenversicherung und der Krankenversicherung beeinflussen. In 45 Jahren würde es sich in Deutschland von zwei Beitragszahlern zu einem Leistungsempfänger auf ein Verhältnis von fast 1 : 1 verändern. Dies wäre nur durch eine Kombination von Leistungskürzungen und Beitragserhöhungen aufzufangen.

In der Interaktiven Visulisierung oben kann man diese demographischen Prozesse selbst erkunden. Nach Auswahl eines Landes kann man durch verschieben des Jahresschiebers die historische sowie die prognostizierte Altersstruktur des Landes im Altersbaum (oft auch Bevölkerungspyramide genannt) für einzelne Jahre veranschaulichen. Jeder Balken des Altersbaumes zeigt die Bevölkerungszahlen für die verschiedenen Jahrgänge an: die männliche Bevölkerung auf der linken und die weibliche auf der rechten Seite. Vergleicht man den Altersbaum von 2060 mit dem der Gegenwart, sieht man wie er in der Mitte schlanker und oben breiter wird.

Die Altenquote wird in dem blauen Balkendiagram angezeigt, und kann für verschiedene Altersgrenzen (60, 62, 67 Jahre usw.) berechnet werden. Die Altersgrenze sollte das durchschnittliche Rentenzugangsalter widerspiegeln. Im Jahr 2000 lag das durchschnittliche Rentenzugangsalter in Deutschland bei 59,8 Jahren, 2014 lag es bei 61,8 Jahren. Es ist zu erwarten, dass unter dem Einfluss der Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre das tatsächliche, durchschnittliche Rentenzugangsalter weiter steigen wird.

Mit den Schiebereglern kann man in der Visualisierung verschiedenen Kombinationen von Altersgrenze (=Rentenzugangsalter) und Zuwanderung in ihrer Auswirkung auf die zukünftige Altenquote zu testen. Es wird schnell deutlich, dass eine Erhöhung der Zuwanderung nur einen geringen entlastenden Einfluss auf die zukünftige Altenquote und damit die Finanzierung der Sozialversicherung haben wird.

Demgegenüber wirkt sich die Erhöhung der Altersgrenze bereits um vier oder fünf Jahre recht deutlich aus, wie der kürzere Balken auf der rechten Seite verdeutlicht. Auch im Altersbaum wird sichtbar, wie die Verschiebung der Altersgrenze beide Seiten der Relation verändert. Damit wird auch nachvollziehbar warum die deutsche Bundesregierung die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bei der Bewältigung des demografischen Wandels in den Vordergrund gestellt hat.

Datenquelle: EUROSTAT (EUROPOP2013).

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