Die taktischen Muster der EM: Kein Tempolimit in der Offensive

Dr. Karsten Görsdorf
on July 20, 2016

Dies ist ein Gastbeitrag vom Institut für Spielanalyse in Potsdam. Für Spiegel Online hat das Team von Sportwissenschaftlern alle 51 Spiele der EM mit innovativen statistischen Methoden ausgewertet (siehe z.B. hier). Exklusiv für den Tableau Public Blog ziehen sie nun eine Bilanz vom Turnier.

Die Euro 2016 war von der Defensive geprägt. Am Ende sprechen aber doch alle wieder über die Offensive. Das Institut für Spielanalyse hat unter diesem Fokus das Turnier rekonstruiert und interpretiert. Dabei haben wir uns auf drei Elemente die das Offensivspiel beeinflussen konzentriert: Die Rolle des Zufalls, die Spielsituation und die taktische Ausrichtung. Als Beispiel: Das Tor von Éder, das diese Euro 2016 entschied, passt in zwei Muster der erfolgreichen Szenen in diesem Turnier: Hohes Tempo nach der Balleroberung und kein Zufall beim Abschluss.

1. Der Einfluss des Zufalls

Bei der Euro 2016 fielen insgesamt 108 Tore (69 in der Vorrunde, 39 in den k.O. Spielen). Insgesamt 77 (71,3%) davon fielen ohne Zufallsmerkmale, 31 (28,7%) mit mindestens einem Merkmal.

Als Zufall, weil vom angreifenden Team nicht zu kontrollieren, können folgende 5 Merkmale gelten, die auch kombiniert bei Treffern auftreten können:

  • Der Torschuss wurde abgefälscht.
  • Der Ball prallte unmittelbar vor dem Torerfolg unkontrolliert von dem Torgestänge zu den Angreifern oder ging direkt hinein.
  • Der Ball ging trotz einer starken Berührung durch den Torwart ins Netz.
  • Die Abwehr half unfreiwillig mit, indem sie den Ball unmittelbar vor dem Tor an die Angreifer verlor oder selbst ins Tor schob.
  • Das Tor fiel durch einen Schuss aus mehr als 25m unter günstigen Umständen - etwa mit Sichtbehinderung des Torwarts, Aufsetzer oder Flatterball.

Von diesen war das zweite Merkmal das Häufigste. Das heißt, dass der Ball bei 12 Toren unmittelbar vorher, von einem der Abwehrspieler zum Angreifer gelangte oder ein Eigentor erzielt wurde.

Wie es so ist im Fußball, verteilen sich die Zufallstreffer nicht immer gleichmäßig auf die verschiedenen Teams. Die deutsche Mannschaft zum Beispiel profitierte bei drei ihrer 7 Treffer vom Zufall. Besonders beeindruckend ist die Bilanz der Isländer: Keines der 8 Tore bei dieser Euro unterlag einem Zufallsfaktor, was aber auch daran liegt, dass die Reaktionsfähigkeit vom englischen Nationaltorhüter keines der aufgeführten Merkmale ist. Überraschungsmannschaft Wales hatte die meisten Tore (vier), die durch mindestens einen der oben aufgelisteten Zufallsfaktoren beeinflusst wurden.

Im Überblick liegt dieses Turnier, was den Zufall betrifft, deutlich unter den vorherigen beiden Endrunden - bei der Europameisterschaft 2012 und der Weltmeisterschaft 2014 waren es noch rund 40% der Tore, diesmal nur knapp 30%. Zudem wurde der rückläufige Trend seit dem Jahr 2004 (48%) bestätigt.

2. Die Art des Torerfolgs

Die erzielten Tore lassen sich basierend auf den Spielsituationen, in denen sie erstanden sind, in drei Kategorien einteilen:

  • Tore nach Standardsituationen,
  • Tore während der offensiven Phase, d.h. bei denen die verteidigende Mannschaft in Grundformation, also geordnet agiert und
  • Tore nach schnellem Umschaltspiel, d.h. Situationen, in denen die erfolgreiche Mannschaft nach der eigenen Balleroberung schnell nach vorne spielt und die Abstände zwischen den noch nicht wieder formierten Gegenspielern nutzt.


Die Übersicht zeigt:

  • 31 Tore (28,7%) fielen nach Standsituationen, davon 8 (26%) mit Zufallsmerkmal.
  • 46 Tore (42,6%) fielen nach einer offensiven Phase, davon 14 (30%) mit Zufallsmerkmal.
  • 31 Tore (28,7%) fielen nach Umschaltverhalten, davon 9 (30%) mit Zufallsmerkmal.

Werden diese Ergebnisse singulär betrachtet, ließe sich interpretieren, dass sich die Spieler technisch und taktisch so weiter entwickelt haben, dass der Zufall ihnen nur noch bei weniger als einem Drittel helfend zur Seite springen muss.

Aber es fielen insgesamt weniger Tore pro Partie als bei den beiden vorherigen Turnieren. Während es bei der Euro 2012 2,45 Tore pro Partie waren und bei der WM in Brasilien 2,7 Tore waren es nach bei dieser Euro 2016 2,12 Tore pro Spiel. Auch wenn es keinen linearen Zusammenhang zwischen Torschüssen und tatsächlich gefallenen Toren gibt, lohnt sich ein Blick auf diese Statistik als Marker für den subjektiven Eindruck eines defensiven Turniers. Pro Spiel schossen die Teams 26,4 Mal auf das Tor (2012 waren es 26,5). Wenn man die durchschnittliche effektive Spielzeit bei diesem Turnier von 57 Minuten und 7 Sekunden heranzieht, können 2,16 Torschüsse pro effektiver Spielminute festgehalten werden - 2012 bei der EM waren es 2,19 und bei der WM 2014 2,17. Hiermit relativieren sich die absoluten Aussagen zu einem defensiven Turnier.

Ein Vorwurf an das Turnier ist die mangelnde Treffsicherheit bei Torschüssen. Diese lässt sich in Bezug auf den Klubfußball belegen. Abgesehen von erhebungstechnischen Unterschieden in der Definition eines Torschusses können folgende Daten den Trend der höheren Qualität der Klubs in diesem Bereich deutlich unterstreichen. In der Bundesliga z.B. brauchen die Klubs nur 6,4 Schüsse pro Tor; während der Euro waren es fast doppelt so viele.

3. Die erfolgreichen Spielstile der EM

Den Vorwurf der mangelnden Exzellenz an den Stürmern oder die Diskussion um falsche/richtige Neun ist zu kurz gegriffen. Hier sollten die Spielstile der teilnehmenden Nationen und deren Maßnahmen bei Ballkontrolle betrachtet werden. Die durchschnittliche Länge einer Ballkontrollphase mit Torerfolg betrug fast 12,5 Sekunden (zum Vergleich: bei der WM 2010 in Südafrika betrug sie noch 15 Sekunden).

Diese Zahl stützt die Auffassung von Experten, dass momentan viel Tempo im Spiel sein muss, um einen gegnerischen Defensivverband zu durchbrechen und mit Erfolg abzuschließen. Dies wird zudem noch von der Tatsache unterstützt, dass selbst ein klassischer Konter vom eigenen defensiven Drittel zum anderen Strafraum kaum unter 11 Sekunden auf diesem Level zu vollziehen ist. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Teams ungefähr 13 Sekunden benötigen, um sich wieder im Defensivverbund zu ordnen.

Es fällt auf, dass beide taktischen Mittel in der Vorrunde noch mit wesentlich weniger Dauer gespielt wurden. Das spricht für mehr Tempo in den entscheidenden Aktionen. Ab dem Achtelfinale verlängerten sich die erfolgreichen Phasen. Dies hängt vermutlich unter anderem damit zusammen, dass in der Vorrunde rund ein Drittel der Tore aus einer offensiven Phase entstanden sind, bei der das erfolgreiche Team den Ball im gegnerischen Drittel kurz verlor - entweder an den Gegner oder es entstand eine kurze Phase des Chaos (keiner der Beteiligten kann ihn kontrollieren) - die Kontrolle wieder erlangte und dann innerhalb von 4 bis 5 Sekunden abschloss. Durch die kurze Unterbrechung ergeben sich Räume und es werden Pässe in die Box, in die Schnittstelle möglich, die vorher durch veränderte Abstände und Timings nicht möglich waren. In der k.o. Runde fanden sich deutlich weniger solcher Pertubationen - Störungen im positiven Sinne. Dadurch verlängerte sich die durchschnittliche Dauer der Ballkontrollphasen. Die längere Dauer des Umschaltverhaltens kann darauf zurückgeführt werden, dass es wenige klassische Konter gegen wenige oder gar keine Verteidiger gab. Es war vielmehr immer noch der eine Pass mehr nötig, um abschließen zu können.

Die Analyse aller Ballkontrollphasen Deutschlands bei diesem Turnier zeigt folgendes Bild: Deutschland hatte 695 Mal Ballkontrolle. In 62,5% dieser Phasen spielte Deutschland gegen einen bereits geordneten Defensivverband. Dass nur 10 Prozent der Situationen im Umschaltverhalten mit Torschüssen abgeschlossen wurden, ist ein Zeugnis für die nicht optimalen Abstimmungsprozesse im maximalen Tempo. Dies gelang bei der WM 2014 noch deutlich klarer.

Bei den offensiven Phasen und dem Umschaltverhalten lag Deutschland in rund 12% der Fälle im Benchmark-Bereich des Torerfolgs bei der EM. Jetzt sind schnelle, kurze Phasen nicht automatisch immer richtig - hier muss durch die zuständigen Experten qualitativ in der Rekonstruktion der einzelnen Spielszenen analysiert werden. Aber es zeigt sich ein deutlicher Trend, dass Deutschland hier mehr Tempo vertragen kann.

Fazit

Das Turnier beinhaltet in der Datenanalyse einige erstaunliche Trends, die in der allgemeinen, manchmal populistischen Darstellung des Turniers nicht offensichtlich werden. Der durch Portugal im Rahmen dieses Turniers bewiesenermaßen erfolgreiche defensive Stil bringt einige interessante Weiterentwicklungen des europäischen Fußballs zu Tage. In wieweit sich diese Trends fortsetzen und wie sich diese Entwicklungen bei der WM 2018 bewähren, wird sich zeigen müssen. Unser Eindruck: Wer sich die Zeit nimmt und neben den klassischen Spieldaten sowie Indizies-Veredlungen in die Tiefe des Spiels eintaucht, wird die Faszination des Fußballs stetig spüren.

Dieser Gastbeitrag ist einer von vielen zum Thema Sport, welche wir im Juli anlässlich des "Sports Month" auf dem Tableau Public Blog publizieren. Haben Sie eine Sportdatenvisualisierung? Schicken Sie uns einen Tweet an @tableaupublic! Vizzes zur Olympiade bitte mit dem Hashtag #OlympicsViz.

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